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Favelas – die andere Stadt

Ein geführter Spaziergang durch die Favelas (oder Communidades, wie sie die Bewohner nennen) Cantagallo und Pavao/Pavaozinho bringt vielleicht keine Nähe, aber doch etwas mehr Einblick in die Realität der Siedlungen auf den Hügeln. I., unsere Guide, ist Deutsche, lebt seit 12 Jahren in Rio, seit 3 Jahren in Cantagallo und berichtet aus eigener Erfahrung vom Leben auf dem „Morro“. Ausserdem macht sie schnell klar, was und wo fotografiert werden darf, und was bzw. wer eben auch nicht.

In Rio de Janeiro liegen die über 600 Favelas anders als in anderen Städten nicht ausserhalb der entwickelten Stadt, sondern meist an den steilen Hängen der vielen „Morros“ in direkter Nachbarschaft der reicheren Viertel und entwickeln sich parallel zu diesen.
Während in der Ebene von staatlicher Seite Infrastruktur und soziale Einrichtungen geschaffen werden, wurden die Siedlungen an den Hängen lange Zeit ignoriert. Offiziell waren sie illegal und damit in den Entwicklungsplänen „nicht vorhanden“. Als also in den 50er und 60er Jahren z.B. Copacabana und Ipanema bebaut wurden, entstanden an den Hängen der angrenzenden Hügel die Siedlungen der (Bau-) Arbeiter, ohne Straßen, Elektrizität, fließend Wasser oder Kanalisation; das Gleiche geschieht heute immer noch, nur weiter draussen.
In Cantagallo sind die zu Beginn unbefestigten Fußwege heute ein Labyrinth aus betonierten Gassen und unzähligen Treppenfluchten. In den 80er Jahren ließ der damalige Bürgermeister eine (!) Straße zwischen Cantagallo und Pavao/Pavaozinho anlegen, ausserdem Kanalisation, Wasserleitungen und Elektrizität. Ungefähr zur gleichen Zeit erstritt ein Pater das Recht, einen Ziegelbau zu errichten – bis dahin wurden ausschließlich Holzbauten geduldet. Seitdem wurden die Siedlungen verdichtet und bestehen inzwischen überwiegend aus zwei- bis dreistöckigen Ziegelgebäuden. Die Bewohner beginnen, sich und ihre Siedlung zu organisieren – in Cantagallo gibt es z.B. eine Organisation, die sich für die Belange der Communidad einsetzt und viele Dinge des täglichen Lebens regelt, wie Müll-Abtransport oder Postzustellung. Es gibt auch Hilfe von aussen, die katholische Kirche betreibt eine Kindertagesstätte und Gesundheitsstation, NGO’s eine Schule. Die gesamte Siedlung hat sich zum „Freiluftmuseum“ erklärt, mit Graffiti an den Hauswänden, die von ihrer Entstehungsgeschichte erzählen, mit Logo und bunt bemalten Eingangstoren an allen Zugängen. So soll der Zusammenhalt gestärkt und die eigene Position in den Verhandlungen mit Stadt und Hilfsorganisationen gestärkt werden.
Dennoch, das Leben bleibt mühsam. Der neue Aufzug, der zusammen mit der Metrostation vor einigen Jahren gebaut wurde, überwindet zwar die ersten 15 hm, ab da muß aber nach wie vor alles, jeder Ziegel, jedes Buch, jede Packung Reis zu Fuß den Berg hoch getragen werden. Wasser gibt es theoretisch jeden 2. Tag, manchmal aber auch nicht. Es wird daher in großen Tanks gesammelt und möglichst sparsam verbraucht. Die Stromleitungen sind chaotisch, regelmäßig gibt es Stromausfälle und Kabelbrände. Ein neuer Entwicklungsplan verspricht eine weitere Straße – insgesamt ca. 30 m gibt es schon, aktuell ist der entsprechende Finanzierungstopf leer und daher steht die Baustelle. Keiner weiß, wie lange – es soll aber einen neuen Entwicklungsplan geben…

Und dann gibt es da noch die Kriminalität. Vor der sog. „Pazifisierung“ waren die Favelas absolute No-Go-Areas, auch für die Polizei. Durch ihre Lage am Hang und die chaotische Erschließung waren sie mit relativ wenigen Leuten zu bewachen und kontrollieren und damit perfekte Unterschlupfe für Drogenküchen und bewaffnete Banden. Einsätze gegen die Drogenbanden wurden vom Hubschrauber aus geflogen und trafen häufig auch unbeteiligte Bewohner – durch Querschläger oder Angriffe auf die falsche Hütte starben Kleinkinder in ihrem Bett, spielende Kinder in den Gassen, oder Jugendliche, die auf dem Weg von der Schule eine der Drogenküchen passieren mussten.
Als Vorbereitung der Stadt auf die Fußmall-WM und die Olympischen Spiele wurden ca. 40 Favelas, v.a. in der (reicheren) Zona Zur und einige in der ärmeren Zona Norte „befriedet“, d.h. erst von Militär-Sondertruppen eingenommen und dann durch Einheiten der UPP (Unidade de Polícia Pacificadora) längerfristig gesichert. Das Ziel ist zumindest aktuell nicht der Kampf gegen den Drogenhandel, sondern die Entwaffnung der Banden, und hier scheint es tatsächlich Erfolge zu geben. Diese „Pazifisierung“ selber ging allerdings selten ohne Kämpfe vonstatten, und seit dem Ende der WM sollen in einigen Favelas wieder die alten Banden die Kontrolle übernommen haben.
Auf unserem Rundgang kommen wir nicht an der UPP-Station vorbei, dafür an einer Reihe von halbwüchsigen Jungs, die jeweils allein, scheinbar unbeteiligt, aber mit Funkgerät in Hosenbund oder Hand an manchen Kreuzungen sitzen. Waffen? habe ich zumindest keine gesehen. Am Eingang/Ausgang der Favela allerdings hat die Wand entlang des Fußweges auf ca. 15 m Einschusslöcher…
Ein Satz von I. bleibt mir noch länger im Kopf: „In a Favela it is best to see everything, hear everything – and to shut your mouth.“ Das gilt wohl trotz allem auch heute noch.

4 Kommentare

    • doho

      Ja. I. hatte vorher klargestellt, daß die Bewohner die Besuchergruppen zwar generell gut finden, aber nicht wie im Zoo beguckt und fotografiert werden wollen. Finde ich ganz nachvollziehbar, würde ich auch nicht wollen. Reicht ja, daß man ihnen die halbe Zeit fast durch’s Wohnzimmer spaziert, wenn die Wege eng werden.
      Und klar, das ist sicherlich auch eine Sicherheitsmaßnahme derer, die nicht gesehen/identifiziert werden wollen…

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