Betonpfad
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Landpartie auf Bang Krachao

Ein fast perfekter Tag – dabei hat er garnicht perfekt begonnen: Ich habe länger geschlafen als gewollt, die Recherche und Buchungen für Singapur haben länger gedauert als geplant, und die Anfahrt mit Boot und Taxi hat auch über eine Stunde gebraucht. Aber dann: Übersetzen mit dem Longtailboot – und einmal tief durchatmen!

Direkt am Fähranleger gibt es den versprochenen Fahrradverleih – 1 Std 50, 1Tag 100 THB. Ich bezahle für einen Tag, lasse meinen Personalausweis als Pfand da und los geht’s, über kleine Teersträßchen zwischen Palmen- und-anderem-Gebüsch durch, mitten auf’s Land. Mitten in Bangkok!
Bang Krachao liegt in einer Flußschleife des Chao Praya, südöstlich des neuen Geschäfts- und Bankenviertels. Bis auf eine Straße/Brücke an der Engstelle der Halbinsel ist es nicht direkt mit dem Straßennetz der Stadt verbunden. Nur wenige Fähren befördern die Bewohner an’s Ost-Ufer – vielen Besuchern und Bangkokern ist die Anfahrt zu weit und zu beschwerlich. Das hat die Insel bisher vor dem rasanten Bauboom des restlichen Stadtgebietes geschützt, aber auch hier gibt es viele Baustellen und seit Eröffnung der großen Brücke dehnen sich von diesem Ende die Neubauquartiere aus. Dennoch – bisher sind die Siedlungen dörflich, die Straßen schmal, der Verkehr langsam, und „Fremde“ werden als solche erkannt, freundlich gegrüßt oder misstrauisch beäugt. Es gibt erste Versuche, die Communities in ihrer Eigenart zu stärken und nicht zuletzt Bang Krachao v.a. in seiner Bedeutung als „Grüne Lunge“ der Stadt zu schützen, aber da Bauen hier wenig mit Planung und viel mit Geld zu tun hat, wird das wohl nicht gelingen.

Ich fahre einen halben Tag von 12:00 – 16:30 über mehr oder weniger schattige Landstraßen, durch Dörfer und wann immer ich mich traue über die kleinen betonierten aufgeständerten Pfade, die die innere Erschließung vieler Siedlungen bilden.
Zur Orientierung habe ich eine Karte dabei, die mir Dr. Bart Lambregts von der Kasetsart-University bei unserm Gespräch vergangenen Mittwoch mitgegeben hat. Hier sind Standorte von Nachbarschafts- und Naturschutzprojekten (Anbauflächen mit Mischkultur, Baumschulen, ein Waldlehrpfad) aber auch Tempel etc. aufgeführt und eine Route eingezeichnet. Leider enthält die Karte NUR die empfohlene Strecke und ist um alle anderen Straßen bereinigt! Zum Glück (und hier bitte ein Hoch auf die moderne Technik) kennt meine überall-und-immer Orientierungs-App Pocket Earth nicht nur die Hauptstraßen sondern auch sämtliche Schleichwege und Pfade und meinen eigenen Standort, so daß ich nach erstem Drauflos-Fahren und Treiben-Lassen dann doch ziemlich genau die Punkte erreiche, die ich ansteuern wollte. Nicht alle sind so eindrucksvoll wie gedacht, der Waldlehrpfad stellenweise so verfallen, daß ich umdrehe, das Mischkultur-Gebiet verwildert. Aber auch das ist Realität: Die Bilder in Broschüren und Strategie-Papieren sind geduldig. Ein reales Projekt mit Presse und Tamtam anzustoßen ist eine Sache, dieses auf Dauer am Leben zu halten, den Unterhalt zu organisieren und die Gemeinschaft langfristig bei der Sache zu halten, ein ganz andere!

Auch hier gibt es wie überall in der Stadt Märkte, kleine und größere, und ich mache beim „floating market“ Pause – der weder treibt noch schwimmt, sondern zwar am Wasser aber weitgehend auf festem, heißt betoniertem Boden und ein paar Pfahlbauten stattfindet. Nach einer Runde durch die Stände bin ich um 2 Paar Socken (für in die Ballerinas) und 3 Haargummis (hab schon die ersten verloren) schwerer, um 90 THB leichter und satt (Bratspiesschen, geröstet Kartoffelspirale und sowas wie Mini-Doghnuts, nur in lecker).
Mein Leih-Rad steht unabgeschlossen noch genau da, wo ich es vor 45 Min. abgestellt hatte und hat Gesellschaft bekommen – ein paar Bangkoker kommen am Wochenende zum Radfahren hier rüber und bringen ihre Profi-Räder und Rad-Dress mit. Eine ganze Reihe davon sind Europäer 😉

Nach einer etwas zielstrebigeren Rückfahrt (inkl. Begegnung mit dem ersten blöden Hund – ausgerechnet ein verfetteter Golden Retriever!) nehme ich Abschied von diesem urbanen Anachronismus einer Landregion mitten in der Millionenstadt. Ein ganzer Tag Sauerstoff, Bewegung und Ruhe (lärmtechnisch) – das war nach der letzten Woche Trubel dringend nötig!

Drüben angekommen will ich zur MRT (=U-Bahn) und ernte erst Unverständnis und dann Gelächter: Zu Fuß?!? Ein netter Mensch mit gutem Englisch bietet mir an, mich zur Station zu bringen – und fährt mich dann trotz Berufsverkehr bis zum Eingang des Lumphini-Park. Freundliche Menschen gibt’s!
Hier im Park spielt jeden Sonntag das Bangkoker Symphonie-Orchester ein „Concert in the Park“ – bei freiem Eintritt! Ich suche mir ein freies Fleckchen auf dem Rasen, zwischen Touristen (wenigen), Thais (vielen), Familien und jungen Paaren. Bei freundlichen, im Gegensatz zum schwül-heißen Mittag fast kühlen 27 °C genießen wir eine bunte Mischung aus Oper, Musical und Thailändischen Songs (Schlager?!). Zum Abschluss gibt’s Strauß‘ Blaue Donau und den Radetzkimarsch als Rausschmeißer. Hachja.

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